Holz-Zentralblatt 3

»Internet-Holzauktionen kommen bald in Fahrt«
Interview mit Marcus R. Niedermeier über die Zukunft von virtuellen Marktplätzen und Portalen im Bereich Forst und Holz

Marcus R. Niedermeier hat 1996 gemeinsam mit Jörg Kriszio die IHB Internationale Holzboerse gegründet und beschäftigt sich seit dieser Zeit intensiv mit dem Einsatz der neuen Medien in der Forst- und Holzwirtschaft. Ende letztes Jahr ist er aus der Geschäftsführung des Online-Marktplatzes ausgeschieden und ist seitdem als Unternehmensberater tätig. Was virtuelle Marktplätze angeht, sieht er die Zukunft aber weiter positiv.

HZ: Herr Niedermeier, Sie kommen bekanntermaßen aus einer alteingesessenen Landshuter Holzhandlung. Haben Sie mittlerweile Ihren Vater vom Nutzen elektronischer Marktplätze überzeugen können?

Niedermeier: Mein Vater war von der Sache als solches eigentlich schon immer überzeugt. Aber er hat natürlich wie alle aus dieser Generation Berührungsängste damit gehabt und konnte sich im Endeffekt aus persönlichen Gründen nicht hundertprozentig damit anfreunden. Ich habe außerdem auch nie versucht, ihn zu überzeugen, sondern habe darauf gebaut, dass die Zeit und die äußeren Einflüsse die Vorteile des Mediums Internet und der elektronischen Marktplätze ans Licht bringen werden.

HZ: Also beraten Sie heute auch über 50-Jährige beim Thema virtuelle Marktplätze und Online-Portale?

Niedermeier: Selbstverständlich. Aber natürlich ist es in der Generation meines Vaters nach wie vor so, dass die Leute hier ihr Business und dort das Internet sehen. So sollte es aber idealerweise nicht sein.

HZ: Gibt es auch noch die völlige Ablehnung, wenn Sie mit dem Thema Internet oder E-Mail anfangen?

Niedermeier: Die völlige Ablehnung, nein. Vor fünf Jahren gab es die noch häufiger als mir lieb war. Heute sagen die Leute beispielsweise, es ist zu früh für uns, es wird kommen aber nicht heute. Wir reden dann aber nicht mehr von einem Horizont von 10 oder 20 Jahren, sondern der Horizont liegt bei ein bis zwei Jahren. Bei manchen fehlt einfach noch der Sohn, der in zwei Jahren ins Unternehmen kommt und sich dann dem Thema annehmen wird, oder es müssen noch bestimmte technische Voraussetzungen geschaffen werden.

HZ: Aber ist dieses Argument nicht vorgeschoben. Vom Prinzip her reicht doch ein PC und ein Modem und schon kann ein mittelständischer Holzhändler über das Internet und über einen virtuellen Marktplatz einkaufen und verkaufen.

Niedermeier: Ja und Nein. Manchmal wurde den marketplaces in der Vergangenheit ein zu hoher Stellenwert beigemessen und manchmal ein zu niedriger. Die einen haben die Sache ganz extrem gefahren und wollten gleich eine ganze Abteilung für das Thema E-Commerce abstellen. Wieder andere haben gesagt, das macht meine Oma das nächste Jahr irgendwann einmal. Das waren die beiden Extreme. Im ganzen Branchenbereich ist es so gewesen, dass die Leute erst einmal ein Gefühl für die Sache bekommen mussten. Die technischen Voraussetzungen zu schaffen, das ist das wenigste. Die Beschäftigung mit dem virtuellen Marktplatz soll letzten Endes ja einen Mehrwert bringen, z. B. in Form von mehr Einkauf oder Verkauf, und dieses Mehr muss auch gehandhabt werden, das bedeutet dann weitere Investitionen in Zeit, Grips und Geld.

HZ: Nun hat sich in den Jahren seit 1996 aber nicht nur die Situation in den Unternehmen geändert. Auch bei den Marktplätzen und Portalen hat es Veränderungen gegeben. Es gab Konkurse und Zusammenschlüsse. Wie hat die Branche darauf reagiert?

Niedermeier: Der Nutzen von einem marketplace in Holz und Forst, und das gilt auch für andere Branchen wie die Automobilindustrie, liegt darin, dass es möglichst wenige spezifizierte Marktplätze sind. Wenn sie viele davon haben ist der Effekt gleich null. Wenn sie wie im echten Leben auch den Knoblauch und die Gurken in verschiedenen Stadtteilen kaufen müssen, brauchen sie nicht mehr auf den Markt zu gehen, sondern können die Sachen auch ganz woanders kaufen, weil dann derselbe Zeitverlust da ist. Für mich war es immer klar, dass es im Endeffekt nur zwei, drei oder vier Marktplätze weltweit geben kann und einen beispielsweise in Europa oder im deutschsprachigen Raum. 1998, 1999 und auch noch 2000 hat dann jeder gemeint er müsste auf den Zug aufspringen und eine eigene Holzbörse oder einen timber exchange aufbauen. Von den meisten hört heute kein Mensch mehr etwas, und die meisten Leute aus unserer Branche kennen diese Marktplätze gar nicht. Das Ganze lebt schließlich vom traffic auf den Seiten, das heißt von den Leuten, die auf den Marktplatz kommen und den Gütern, die dort gehandelt werden.

HZ: Aber haben diese Marktplätze nicht auch ihre Berechtigung, weil sie sich sprachlich, räumlich oder thematisch innerhalb der Branche spezialisieren?

Niedermeier: Die lokale Nähe zu einem Marktplatz sollte in etwa gegeben sein, weil er den Kunden weitaus effektiver bedienen kann. Holzbörsen oder marketplaces dürfen heute nicht mehr nur auf das Internet reduziert sein. Es muss im konkreten Fall auch Leute geben, die zu dem Kunden hingehen und ihm die Vorteile oder auch Nachteile einer Vorgehensweise erklären. Man muss auch in der Lage sein, dem Kunden zu sagen, was er dazu tun muss. Das Internet ist kein passives Medium für den Kunden. Eine Holzbörse kann nichts tun, wenn der Kunde nichts reinstellt, und der Kunde kann ohne den Service des Marktplatzes nichts suchen und nichts finden. Wenn einer von beiden zu faul ist, wird es nie etwas werden.

HZ: Widerspricht das Argument der lokalen Nähe nicht der Internationalität des Internets als solches?

Niedermeier: Das Internet überwindet Grenzen und ist insoweit schon international. Ich bin aber dennoch der Meinung, wenn Sie ein native speaker sind, dann werden Sie immer noch besser englisch sprechen als ein hervorragender deutscher Dolmetscher, der englisch gelernt hat. Wenn nun ein schottischer Kunde eine Versicherung abschließen oder eine Logistikdienstleistung buchen will, kann der näher am Kunden sitzende Marktplatz weitaus besser und schneller agieren und auch optimaler für einen Kunden agieren. Das gilt für die IHB in Deutschland ebenso wie für Timberweb in England oder Fordaq in Frankreich. Im Endeffekt sind für diese Marktplätze, die übrig bleiben genügend Kunden vorhanden.

HZ: Ist auch eine Spezialisierung auf bestimmte Produktgruppen innerhalb der Branche denkbar?

Niedermeier: Diese vier oder fünf Marktplätze weltweit, die ich genannt habe, sehe ich wirklich als Haupt- oder Dachmarken. Die können sicherlich wiederum ein veneerweb oder Ähnliches angeschlossen haben. Ich war immer schon für Kooperationen, ob online oder offline, und es gibt immer Leute die das eine und Leute die das andere besser können. Diese spezialisierten Fachleute sollte man heranziehen, oder wenn es bereits spezialisierte Marktplätze gibt, kann man sie an die Dachmarke anbinden. Das Internet ist ein Netzwerk, warum sollte man es mit den marketplaces also nicht auch so machen. Nur bleibt es die Aufgabe der Dachmarke die Leute auf einen gemeinsamen Marktplatz zu holen.

HZ: Was sind denn nun die konkreten Erwartungen, die die Kunden heute an einen Marktplatz haben?

Niedermeier: Die Kunden wollen natürlich entweder eine Gewinnoptimierung oder sie wollen eine Kostenreduktion. Eines davon muss der marketplace in jedem Fall erfüllen, damit die memebership fees (Mitgliedsbeiträge) oder die ganzen auction fees (Transaktionsgebühren) letztendlich gerechtfertigt sind. Wenn ich vom Kunden zehn Mark verlange, muss ich ihm zwanzig Mark bringen, und ich kann ihm nicht nur einen Nutzen im Wert von fünf Mark bringen. Darüber hinaus gibt es so viele Dinge, die der Marktplatz im Detail noch erfüllen kann, wie Prozessoptimierung, Personaloptimierung oder allgemeine Betriebsoptimierung. Aber das sind Schlagworte, die im Endeffekt relativ wenig aussagen.

HZ: Kommen wir an dieser Stelle mal auf das Thema Standards zu sprechen, wie wichtig sind Ihrer Meinung nach Standards, damit Internet- Marktplätze nutzbringend funktionieren können?

Niedermeier: Die Standardisierung ist eines der wichtigsten Dinge. Nur sollte man nicht den Fehler machen, eine riesigen Standard, wie eine Glocke über die Branche zu stülpen. Man sollte mit kleinen Standards anfangen. Aus den kleineren erwachsen später dann die größeren Standards. Sie können nicht erwarten, dass sie einer jahrhundertealten Branche, die auch ganz gut ohne Internet zurechtgekommen ist, sagen können hier ist ein Standard, und alle nehmen das dann jubelnd auf. Die Leute werden aber von selbst sehr sehr schnell merken, wie schön und einfach das ist, wenn die Standards einmal da sind. Es ist außerdem wichtig, solche Standards zusammen zu entwickeln, zusammen mit anderen marketplaces, mit Kunden, mit Logistikdienstleistern. Wir sollten keinen monopolistischen Standard anstreben, sondern einen echten Standard. Ein Marktplatz, in welcher Branche auch immer, braucht Standards, diese müssen in die Schnittstellen integriert werden. Auch die Zulieferindustrie muss diese Standards nutzen können und muss in die Entwicklung mit einbezogen werden. Das aber sind Dinge, die Unternehmen, wie eine IHB oder Timberweb, auch von den Kapazitäten her heute alleine nicht leisten können.

HZ: Die Gründung der Eweta, war ein erster Schritt in diese Richtung, warum hört man von diesem Verband und dem Projekt Wood XML nichts mehr?

Niedermeier: Das hat natürlich zum einen mit den Marktbereinigungen zu tun, von denen auch einige Eweta-Mitglieder betroffen waren. Während meiner Zeit bei der IHB, war es aber einfach so, dass wir immer wieder so sehr mit uns selbst beschäftigt waren, um den Entwicklungen zu folgen. Auch das Thema Wood XML war dann eines der Dinge, die wir nebenbei betrieben haben, aber eben nicht auf heißester Flamme.

HZ: Auf der Interforst wurde jetzt ELDAT vom Holzabsatzfonds als Standard für den Werksdatenaustausch vorgestellt. Ist das Ihrer Ansicht nach ein guter Anfang?

Niedermeier: Der Holzabsatzfonds verfolgt natürlich eine eigene Richtung. Meiner Ansicht nach können wir aber nur mit Kooperationen weiterkommen. Es sollte nicht „einen“ geben, der einen Standard entwickelt. Es ist sicherlich schon ganz gut, dass man einen Standard definieren will, nur die Herangehensweise an die Umsetzung könnte noch optimiert werden.

HZ: Abschließende Frage: Glauben Sie noch daran, dass es irgendwann Submissionen oder Versteigerungen auf virtuellen Marktplätzen geben wird und wann wird das sein?

Niedermeier: Wann es soweit sein wird, kann ich heute nicht sagen. Die Entwicklung wird sich hier sicherlich noch über Jahre hinziehen. Eine Holzauktion ist für mich aber viel viel mehr als der reine Abschluss des Geschäfts. Den kann ich in einem Jahr auch so haben, dass ihn die Leute akzeptieren, man muss es nur anders anpacken und die Leute anders vorbereiten. Wir haben natürlich auch gewusst, dass es die eine oder die andere Schwierigkeit gibt, aber wir mussten natürlich irgendwie anfangen. Die Holzauktionen werden sich entwickeln inklusive Logistikabwicklungen. Nehmen Sie den Fall, ein Chinese ersteigert Holz auf einer Buchensubmission in Deutschland. Da gehört viel dazu. Dieses fulfillment wird Teil der marketplaces und der Holzauktionen werden. Die Frage, wann es soweit sein wird kann ich aber auch deshalb nicht beantworten, weil dieses Thema keinen definierten Abschluss hat, sondern sich ständig weiterentwickeln wird. Die Sache mit den Holzauktionen aber wird in Fahrt kommen, und in Fahrt kommen wird es in den nächsten... Es wird bald in Fahrt kommen.

Das Gespräch mit Marcus R. Niedermeier führten Jürgen Walter und Ingo Lau.

Download: Interview als Originalabdruck (.pdf - 95 kB)
Text des Interviews als .pdf (.pdf - 92 kB)

(Holz-Zentralblatt - Juli 2002)

© 1996 - 2011 by Marcus R. Niedermeier
www.niedermeier.de | www.niedermeier.com
*max. 12,4 Cent/Min. aus dem dt. Festnetz - Mobilftarif ggf. abweichend

height: 300px;